Ernst-Schneider-Preisverleihung im ZKM

Von Hightech und Menschlichkeit
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„Ich muss gestehen, ich lese morgens noch die Tageszeitung. Mir ist sie ans Herz gewachsen.“ Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut bekennt sich zu ihrem Printmedienkonsum. Wirtschaftsberichte in neuen und alten Medien, in Zeitungen, Internet, Hörfunk und Fernsehen stehen im Mittelpunkt der feierlichen Verleihung der Ernst-Schneider-Preise 2016 im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Gegenwart und Zukunft fließen ineinander. An der „Schnittstelle von Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Kunst“, wie IHK-Präsident und Gastgeber Wolfgang Grenke es in seiner Begrüßung formuliert.
Schon in dem eingangs auf der mächtigen dreigeteilten Leinwand präsentierten Imagefilm der IHK Karlsruhe verschwimmen die Grenzen. Die Fächerstadt als Zielpunkt der Achse Boston – Karlsruhe, am Ende des Weges, den die erste E-Mail am 2. August 1984 um 10:14 Uhr beschritten hat. Über Hightech-Robotern und Reblandidylle segelt ein Drachenflieger. „Was die Veränderung der Welt antreibt, kann man hier technologisch spüren, hier bei uns in der Region, hier im ZKM“, erklärt Wolfgang Grenke. Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup nennt das ZKM gar das „Tor zur Welt“.
„„Aber“, so ergänzt Grenke, „wir haben am Oberrhein nicht nur Unternehmen, die Industrie 4.0 vorantreiben. Wir haben auch die höchste Dichte an Sternerestaurants und wunderbare Naherholungslagen zwischen Rhein, Schwarzwald und Kraichgau.“
Die Tanzperformance von drei Künstlern aus Karlsruhe, Straßburg und Stuttgart verbindet die Nachbarregionen und –länder ebenso miteinander, wie die Kunst mit der Digitalisierung. Aus Bewegungen werden Pixel generiert, aus Gesten entstehen Worte und Bilder.
„Hier wird alles bespielt, was die Pixel hergeben“, kommentiert Moderatorin Susan Link (ARD Morgenmagazin). „Daten sind der Rohstoff der Zukunft“, sagt die Ministerin.
„Am Thema Wirtschaft kommt niemand vorbei. Aber auch hier hat Digitalisierung den Journalismus verändert“, erklärt der langjährige Vorstand des Ernst-Schneider-Preises, Dr. Walter Richtberg. „Digitale Medien sind auf dem Vormarsch. Investigativer Journalismus hat einen höheren Stellenwert bekommen. Nur im Internet fehlen manchmal die journalistischen Schleusenwärter.“
Und dann kommen die eigentlichen Helden des Abends. Sie, die keine Schleusenwärter gebraucht haben: Die acht Preisträger, ausgewählt aus 1200 Einreichungen.
Florian Meyer-Hawranek zum Beispiel, der in seiner Hörfunksendung „Robot Economy“ im Bayerischen Rundfunk von der Zuneigung eines BMW-Mitarbeiters zu seinem Roboter-Kollegen berichtet. „Er ist für ihn keine Konkurrenz, sondern ein Freund und Helfer. Wenn er könnte, würde er nach Feierabend mit ihm ein Bierchen trinken gehen“, berichtet der Preisträger. Leider kann er aber nur Türen isolieren. Noch.
Gleich zweimal werden Berichte über Swiss Leaks, das größte Datenleck in der Bankenbranche, prämiert. Teils interaktive Finanzkrimis mit Befragung des eigenen Gewissens wie „Falcianis Swiss Leaks“, eine SWR-arte-Koproduktion aus der Kategorie Wirtschaft im Internet auf arte.tv und „Swiss Leaks“ der über die Landesgrenzen hinaus umfangreich recherchierte Sonderpreis in der Kategorie Innovation/Unterhaltenssendung für die Süddeutsche Zeitung.
Einen faszinierenden Finanzkrimi melancholischer Art über ein unscheinbares Gebäude im Frankfurter Westend im Schatten der silbernen Zwillingstürme haben Marc Brost und Andres Veiel in ihrem Zeit-Artikel „Sie nennen es Sterbehaus“ geschaffen. Im „Sterbehaus“ verbringen die alten, sich an die verflossene Macht klammernden, Ex-Vorstände der Deutschen Bank ihren Lebensabend.  In der Stille ihrer Büros finden die Journalisten die Erklärung für das große Betrügen, mit dem die Bank nun aufräumen will.
In der Kategorie Große Wirtschaftssendung Fernsehen hat Hanspeter Michel für den SWR einen Weltmarktführer in der Provinz porträtiert. „Prima Klima – Ventilatoren und Motoren von ebm-pabst aus Mulfingen“ ist deshalb so spannend, weil es den Menschen im Zentrum der Firma so nahe kommt.
Aber es geht nicht immer nur um Aktuelles, Innovation und Hightech.
Auf Wirtschaftsberichterstattung für Frauen hat sich die viermal jährlich erscheinende Beilage der Süddeutschen Zeitung „Plan W - Frauen verändern die Wirtschaft“ spezialisiert, Preisträger in der Kategorie Innovation/Unterhaltungssendung.
Schonungslos, ernüchternd, teils auch ein bisschen hoffnungsvoll und sogar witzig ist Knud Vettens „Arbeitsvermittler“ für den MDR, Sieger in der Kategorie Kurzbeitrag Fernsehen, ein Motivationsseminar für Langzeitarbeitslose mit Multiplen Vermittlungshemmnissen.
Weit entfernt von Industrie 4.0 hat ausgerechnet der jüngste unter den Preisträgern, Florentin Schumacher, 23 Jahre alt, für die F.A.Z. einen unterhaltsamen Beitrag über eine Gärtnerei verfasst, die aus Spitzkohl grüne Sauce herstellt. Durch Zufall in der Wirtschaft gelandet, sucht er den menschlichen Zugang zu den Themen seines Ressorts.
Wirtschaft menschlich gemacht ist ohnehin die zentrale Botschaft der Beiträge aller Nominierten und Preisträger. Keine Präsentation nüchterner Fakten, sondern emotional, interaktiv, kreativ und menschlich aufbereitete Wirtschaftsberichte wurden mit der silbernen Lupe des Ernst Schneider Preises ausgezeichnet.
Der höchstdotierte deutsche Journalistenpreis für Wirtschaftspublizistik, der vor 45 Jahren von den deutschen Industrie- und Handelskammern gestiftet wurde, würdigt Autorinnen und Autoren, denen es gelingt, in allgemein verständlicher Weise wirtschaftliches Wissen und wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln. Mehr als tausend Beiträge zu gesellschaftlich relevanten Themen werden Jahr für Jahr eingereicht.